05.06.2012
Ausgabe 3/2012, S. 11
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Fehler im Praxisalltag

Risikoverletzung durch Hektik

In der Rubrik Fehler im Praxisalltag stellen wir in jedem Heft einen Fall vor. Dieses Mal geht es um eine Nadelstichverletzung bei einer routinemäßigen Blutentnahme.

Dieses Ereignis wird aus einer Hausarztpraxis berichtet:

Was ist passiert?

Die MFA beraumt Routine-Blutentnahme bei einem Methadon-Substitutions-Patienten an. Da er sehr schlecht auffindbare Venen hat (jahrelang Heroin iv) findet sie keinen Zugang und bittet die Ärztin um Durchführung der Blutentnahme. Die Praxis ist rappelvoll, die Ärztin knapp in der Zeit. Nach 15-minütigem Suchspiel gelingen Venenpunktion und Blutentnahme. Beim Wegziehen der gelösten Staubinde fährt die Ärztin mit der linken Hand in die Kanüle, die sie in der rechten noch festhält.

Was war das Ergebnis?

Nadelstichverletzung mit Infektionsrisiko im Prozentbereich, da der Patient an einer chronisch-aktiven Hepatitis C leidet. Regelmäßige Blutkontrollen begleiten nun das nächste halbe Jahr.

Welche Gründe können zu dem Ereignis geführt haben?

Mangelnde Konzentration wegen Stress und Arbeitsüberlastung, noch verschlechtert durch den Ärger, dass die MFA den Patienten zur falschen Zeit einbestellt hatte. Das Nichteinhalten von Routinen (sofortiger Abwurf benutzter Nadeln) hat den Unfall erst möglich gemacht.

Wie hätte man das Ereignis verhindern können?

Man hätte den Patienten zu einem späteren Zeitpunkt wieder einbestellen können. Eine Routine-Blutuntersuchung ist kein unverschiebbares medizinisches Ereignis.

Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?

Organisation, Team und soziale Faktoren, Arbeit und Umwelt.

Kommentar des Instituts für Allgemeinmedizin:

Eine volle Praxis, ein hoher Geräuschpegel, drängelnde Patienten – unter Stressbedingungen unterlaufen solche typischen Aufmerksamkeitsfehler. Je automatisierter Handlungen wie das Abwerfen der benutzten Kanüle ablaufen, desto weniger Einfluss haben äußere Faktoren (Ärger, Zeitdruck) auf die korrekte Durchführung. Eine zweite gute Strategie ist es, den Stress abzuschwächen. Bei rappelvoller Praxis kann es eine Lösung sein, Patienten wieder nach Hause zu schicken und einen neuen Termin zu vereinbaren, wenn der Grund für den aktuellen Besuch zeitlich unkritisch ist.

Kommentare anderer Nutzer:

Nutzer 1: Wenn ich die Venen nicht tasten kann, dann geht mein Patient (vor allem der Substitutionspatient) treppensteigen: 5 x in den 3. Stock hoch und wieder runter .... Danach klappt es oft.

Nutzer 2: Safety first und Hektik vermeiden, alles braucht seine Zeit. Das Venenstauband öffnen, bevor man die Nadel zurückzieht. Das blutet weniger und hat Sicherheitsvorteile.

Nutzer 3: Drogenabhängige kennen ihre Venen meist sehr gut. Ich habe kein Problem damit, solche Patienten mit Butterfly in der Praxis selbst Blut abnehmen zu lassen.

Tatjana Blazejewski