10.03.2016
Ausgabe 1/2016, S. 2
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Editorial

Farbe bekennen

Farbe bekennen ist eigentlich keine Aufgabe für MFA. Unser Berufsethos verlangt von uns, dass wir uns neutral, empathisch und unparteiisch verhalten. Egal, wie es uns geht, wie viel Stress wir haben – wir sind für alle Patienten gleich freundlich da. Das ist nicht immer einfach.
© seen - fotolia.com
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Die Zusammenarbeit im Team verlangt ebenfalls Toleranz, Vertrauen und Wertschätzung. Da treffen unterschiedliche Charaktere aufeinander, Auszubildende und Berufserfahrene. Ein Team lebt von der Unterschiedlichkeit der Kompetenzen und Mitglieder. Noch bunter und vielfältiger ist unsere Patientenklientel durch die vielen Asylbewerber und Flüchtlinge geworden – auch in Regionen, wo es bisher wenige ausländische Mitbürger gab. Dieser Zustand macht manchen Angst.

»Wir können in den Praxen Vorbilder dabei sein, Farbe zu bekennen«

Doch die Angst vor dem Fremden hängt sehr von unserem eigenen Erleben und unseren Wertvorstellungen ab. Sie als MFA leisten täglich in den Praxen etwas Besonderes und gleichzeitig auch Alltägliches. Die Behandlung von Asylsuchenden ist schwierig und zeitaufwendig. Trotzdem stellen Sie sich diesen Aufgaben mit besonderem Engagement. Viele von Ihnen engagieren sich darüber hinaus noch ehrenamtlich, bekennen Farbe zu bürgerschaftlichem Engagement. Sich zu einer Sache zu bekennen, heißt aber auch, klar strukturiert und nach gewissen Regeln zu handeln. Hier können wir in den Praxen Vorbild sein.

Auch für unsere neuen Patienten gelten Regeln und Wartezeiten. Kultursensibel zu sein, bedeutet, den anderen mit seiner Religion und Herkunft zu achten, aber nicht, es ihm um jeden Preis recht machen zu wollen. Sachverhalte erklären und geduldig auf unsere Regeln hinzuweisen, ihn zu respektieren und gleichzeitig das Hineinkommen in unsere Gemeinschaft zu ermöglichen – das finde ich, ist Integration. Wenn unsere Patienten merken, dass weder sie noch die Asylsuchenden bevorzugt oder benachteiligt werden, dass wir offen auf alle zugehen, ihre Bedürfnisse wahrnehmen und individuelle Lösungen suchen, dann können Wartezimmer zu angstfreien Begegnungsplätzen werden.

Farbe bekennen ist auch Titel des Buches der afrodeutschen Aktivistin May Ayim. Sie war eine Frau, die Farbe bekannt hat: Unaufgeregt, alltäglich, bunt – so wünsche ich Ihnen den Praxisalltag.

Portrait: Sabine Ridder

Sabine Ridder
Präsidentin, Verband medizinischer Fachberufe e. V.