23.11.2018
Ausgabe 4/2018, S. 12
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Diagnostik, Therapie, Patientenkommunikation

HIV in der Hausarztpraxis

Für HIV-Patienten sollte der Hausarzt erster Ansprechpartner bleiben – entsprechend häufig sind HIV-Patienten in den Hausarztpraxen zu finden. Wir haben die aktuellen Therapierichtlinien und Besonderheiten im Umgang mit HIV-Patienten zusammengefasst.
© natali_mis- stock.adobe.com
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Zu den Personenkreisen mit einem erhöhten Risiko für eine HIV-Infektion gehören Menschen mit intravenösem Drogenmissbrauch, Personen aus Hochprävalenzländern und Männer, die Sex mit Männern haben. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden für das Jahr 2016 insgesamt 3.419 gesicherte HIV-Neudiagnosen gemeldet. Werden ausschließlich die Neudiagnosen berücksichtigt, die über ausreichende Angaben zum Infektionsweg verfügen (n = 2.738), so entfallen knapp 2/3 auf Männer, die mit Männern Sex haben und knapp 1/3 auf Menschen mit heterosexuellem Verhalten, wobei hier auffällt, dass Frauen wiederum zu 2/3 eine HIV-Diagnose erhalten haben. Der Anteil der Neudiagnoseen durch intravenösen Drogenmissbrauch machte 5 Prozent aller HIV-Neudiagnosen aus. Dank großer medizinischer Fortschritte und vieler neuer Medikamente haben sich die Behandlungsmöglichkeiten von HIV und AIDS enorm verbessert. Eine HIV-Infektion ist kein Todesurteil mehr – und kann Betroffene trotzdem sehr verängstigen.

Der HIV-Test

Ein HIV-Test ist einfach und kostengünstig. Der Einsatz kann schwere Verläufe der Infektion verhindern und die weitere Verbreitung von HIV eindämmen. Neben den genannten Risikogruppen sollten sich aber generell alle Personen mit wechselnden Partnern über das Risiko von ungeschütztem Sexualverhalten bewusst sein und sich in Abhängigkeit vom Ausmaß des Risikos bis zu einer halbjährlichen Frequenz auf HIV testen lassen. Menschen aus sogenannten Hochprävalenzländern (Afrika südlich der Sahara, Karibik, Asien, Osteuropa) sollte und Schwangeren muss gemäß Mutterschaftsrichtlinien zumindest einmalig ein HIV-Test angeboten werden. Bei Verdacht auf eine andere sexuell übertragbare Krankheit ist es sinnvoll, gleichzeitig einen HIV-Test durchzuführen, denn die HIV-Infektionen sind relativ häufig damit vergesellschaftet.

Der HIV-Test wird in verschiedenen Einrichtungen auch anonym und ohne Anmeldung durchgeführt, um möglichst viele Menschen zu erreichen. HIV-Tests für die Eigenanwendung (Heimtests) werden von verschiedenen Fachgesellschaften für sinnvoll erachtet, sie sind mittlerweile auch in Deutschland verfügbar.

Die Diagnose erfolgt über eine Stufendiagnostik. Zunächst wird ein Screeningtest durchgeführt, üblicherweise ein ELISA-Test. Die Sensitivität moderner Screeningtests liegt bei über 98 Prozent, sodass falsch-negative Ergebnisse sehr selten und meist durch einen zu kurzen Abstand zum Infektionszeitpunkt zu erklären sind. Da die Spezifität der HIV-Screeningtests bei über 99,5 Prozent liegt, sind auch falsch-positive Befunde eine Ausnahme. Generell sollte bei unklaren Testergebnissen eine Verlaufskontrolle in ein bis zwei Wochen erfolgen und ein besonders erfahrenes Labor involviert werden. Inzwischen wird empfohlen, den Patienten nach Eingang des ersten reaktiven Bestätigungstests über seine HIV-Infektion zu informieren, damit er möglichst zeitnah einer adäquaten Betreuung zugeführt werden kann.

Seminare für MFA

Die dagnä e.V. (Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter) bietet MFA seit dem Jahr 2010 den Besuch eines Basisseminars zum Erwerb des Fortbildungszertifikates Medizinische Fachangestellte mit Schwerpunkt HIV/AIDS an. Zur weiteren Vertiefung werden zusätzlich und darauf aufbauend interaktive Workshops mit aktuellen Themenschwerpunkten durchgeführt. Weitere Informationen zur Arbeitsgemeinschaft und zum Seminarprogramm unter:
www.dagnae.de


HIV und Soziales: Hilfe gibt es an vielen Stellen

  • Bei Fragen zur medizinischen Versorgung ist die Hausarztpraxis erster Ansprechpartner. Aber auch die Krankenkasse, die örtlichen HIV-Beratungsstellen der Gesundheitsämter und die AIDS-Hilfen unterstützen.
  • Bei Fragen zu HIV und Arbeit kann die Agentur für Arbeit zur Seite stehen. Viele AIDS-Hilfen arbeiten zudem mit Anwälten zusammen, die auf das Thema HIV spezialisiert sind.
  • Der Rentenversicherungsträger ist der wichtigste Ansprechpartner, wenn es um Fragen zur Rente geht. Aber auch die Rentenberatungsstellen und Versicherungsämter der Kommunen können Sie umfassend informieren.

Die HIV-Therapie

allgemeinarzt-online.de
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Schematische Darstellung der Viruslast und der CD4-Zellzahl im Verlauf einer HIV-Infektion. Nach dem Abklingen der akuten Infektion erholt sich die CD4-Zellzahl zunächst wieder. Ein späteres Absinken ist ein Zeichen für das Fortschreiten der Krankheit.

Das HIV-Virus befällt menschliche Lymphozyten vom Typ CD4, deshalb ist die sinkende Zahl der CD4-Zellen ein Indikator für das Fortschreiten der Krankheit AIDS (Abb.). Schätzungsweise 30–50 Prozent der HIV-Infektionen werden in Deutschland in einem späten Stadium, d. h. bei weniger als 345 CD4-Zellen/µl, diagnostiziert. Es besteht kein Zweifel, dass eine späte HIV-Diagnose mit einem erhöhten Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko assoziiert ist. Je niedriger die CD4-Zellen bei Therapiebeginn, desto höher diese Risiken. Besonders alarmierend ist die überdurchschnittlich häufige späte HIV-Diagnose bei Heterosexuellen, denn der heterosexuelle Übertragungsweg ist unterdessen in vielen europäischen Ländern bereits der häufigste.

Derzeit stehen mehr als 25 Einzelwirkstoffe für die antiretrovirale Therapie zur Verfügung, typischerweise werden dabei drei aktive Substanzen kombiniert verabreicht. Bei Patienten, die sich frühzeitig und noch ohne HIV-assoziierte Erkrankungen einer konsequenten Behandlung und medizinischen Überwachung unterziehen, scheint die Lebenserwartung heute kaum messbar durch HIV eingeschränkt. Dabei besteht die Auswahl zwischen mehreren Eintablettenregimes, also Kombinationstabletten, die drei verschiedene HIV-Medikamente enthalten.
Diese Kombinationen müssen jedoch auch nach der Zulassung oft noch lange in Klinik und Praxis geprüft werden, zur dringend erforderlichen Erweiterung der Indikationsfelder wie bei Organinsuffizienzen, zum Einsatz bei älteren Patienten, zum Langzeiteinsatz oder zur Kombination mit Medikamenten für andere Grunderkrankungen. Hier gibt es häufig Wechselwirkungen, etwa mit Lipidsenkern. Ideal ist daher immer die gemeinsame Betreuung durch die Hausarztpraxis und eine auf HIV spezialisierte Praxis.

Was Sie bei HIV-Patienten beachten sollten

Wer die Diagnose HIV-Infektion erhält, hat viele Fragen, daran ändern auch die vielen medizinischen Fortschritte nichts, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat. Und mit der Zeit können immer mehr Fragen auftreten, die rechtliche, soziale und damit auch finanzielle Auswirkungen der Erkrankung betreffen. HIV-Patienten sollten deshalb immer Hilfe suchen und sich mit Menschen austauschen, die in der gleichen Lage sind (Hinweise siehe Kasten). Zeugung, Schwangerschaft und Geburt eines Kindes sind trotz HIV-lnfektion möglich, eine ausführliche Beratung in einem Fachzentrum ist im Vorfeld aber unerlässlich. Schließlich gilt es, ein Übertragungsrisiko auszuschließen.

Die Gefahr sich als MFA bei einem Patienten zu infizieren ist sehr gering. Eine Studie der Universität Pittsburgh aus dem Jahr 2017 legt nahe, dass das Risiko für medizinisches Personal, sich durch Haut- oder Schleimhautverletzungen mit HIV zu infizieren, deutlich geringer ist als angenommen. Die Verfasser der Studie haben alle Fälle beruflicher Exposition an ihrer Klinik 13 Jahre lang verfolgt. Die Serokonversionsrate nach Kontakt mit HIV-positivem Blut wird von der Literatur mit 0,13 Prozent, nach perkutanen Verletzungen allein mit 0,18 Prozent angegeben. In der Pittsburgh-Studie kam es in keinem der 266 Unfälle (Nadelstichverletzungen etc.) zu einer HIV-Infektion.

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